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Think Tank an der Kaimauer

Es weht ein frischer Wind am Hafen. Der Enthusiasmus des neuen Lab-Teams ist groß.
Think Tank an der Kaimauer
Die Anfahrt von Westen nach Duisburg im Frühjahr 2022 gleicht denen aus den vergangenen Jahrzehnten. Grauschwarz quellen Abgaswolken aus gewaltigen dunklen Ungetümen am Ufer der Ruhr. Duisburg-Ruhrort, Europas größter Stahlstandort. Zeugnis eines erfolgreichen Industriezeitalters, das gerade den Switch von fossilen Energien zu zukunftsträchtiger Wasserstofftechnologie angeht. Keine drei Kilometer entfernt, im Duisburger Innenhafen, die Rauchfahne der Stahlwerke vor Augen, tüftelt die Polizei NRW ebenfalls an der Zukunft. Hier hat sie schon begonnen. Direkt an der Kaimauer, mit Blick aufs Hafenbecken, ist das Innovation Lab angesiedelt. Dieser Think Tank gilt als zentraler Baustein für die vom Innenministerium vorangetriebene Modernisierung der Polizei.
Streife-Redaktion

Dieses Büro der klugen Köpfe ist keine der üblichen behördlichen Amtsstuben, sondern gleicht eher einer Spielwiese aus dem Designstudio mit verschiebbaren Bouroullec-Sesseln in poppigen Farben auf grünem Teppich. Das zu Jahresbeginn eröffnete behördliche Forschungslabor agiert dort, wo sich andere kreative Geister angesiedelt haben. Im selben Gebäude denken und arbeiten auch coole Start-ups. Das Umfeld wirkt inspirierend und ziemlich aufregend.

4,3 Millionen Euro hat der Landtag für das Innovation Lab zunächst bereitgestellt. Andere Bundesländer blicken interessiert nach Duisburg. Der Roboterhund „Spot“ tut sein Übriges als werbendes Testimonial. Vor wenigen Wochen hatte der vierbeinige Technik-Kollege schon seinen ersten Einsatz und half bei der Aufklärung eines Großfeuers in einer Essener Wohnanlage.

„Wir dürfen experimentieren und auch mal auf der falschen Fährte sein“, erzählt Sebastian Naujoks. Der Job im Innovation Lab erscheint ihm fast wie ein Sechser im Lotto. Der 24-Jährige fühlt sich dort bestens aufgehoben, wo man zukunftsweisende digitale Lösungen und Arbeitsformen entwickelt. Regie führt das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD). „Die Zukunft der Polizei mitzugestalten und fortschrittliche Technik zu erproben, finde ich extrem spannend“, erklärt der neue Mitarbeiter. Die Ausschreibung habe ihn sofort angesprochen.

Sebastian Naujoks hat sich gegen 20 Bewerber durchgesetzt. Seit dem 1. März gehört der Elektrotechniker, der sein Studium gerade abgeschlossen hat, zur Mannschaft. Nun freut sich der Regierungsangestellte, dass er wie in der Wissenschaft ergebnisoffen forschen kann. Das Team besteht im Kern zunächst aus fünf Kolleginnen und Kollegen – im engen Austausch mit dem LZPD und mit anderen Polizeibehörden. Aber auch mit Hochschulen und der Industrie.

„Die Technologie entwickelt sich rasant“, sagt LZPD-Direktor Thomas Roosen. Mit den herkömmlichen Methoden könne die Polizei irgendwann in Rückstand geraten. „Wir möchten aber vor die Lage kommen.“ Deshalb sei es eine große Chance, ungestört vom Alltagsgeschäft über strategische Themen nachzudenken. „Wir wollen mit dem Innovation Lab wichtige Impulse geben. Es gilt, Antworten auf das zu finden, was auf uns zukommt“, beschreibt der 58-jährige Polizeibeamte die Herausforderung. Vor allem digitale Konzepte seien gefragt.

Schon jetzt bietet das LZPD mehr als 100 zentrale polizeispezifische IT-Lösungen für alle Polizeibehörden an. Roosen kümmert sich seit 22 Jahren schwerpunktmäßig um die Optimierung von Informationstechnik, zumeist beim LZPD und fünf Jahre als Referent im Innenministerium. Das Veränderungstempo habe sich mittlerweile beschleunigt. „Darauf haben wir mit der Gründung des Labs reagiert.“ In diesem Ambiente fühle man sich doch gleich ganz anders, findet der LZPD-Chef. „Auch mit anderen guten Ideen – zum Beispiel zur Herstellung eines kreativen Arbeitsklimas – wollen wir überraschen.“

Über das Lab wurde etwa zwei Jahre nachgedacht. „Ab dem dritten Quartal 2021 ging plötzlich alles ganz fix“, sagt Informatiker Markus Erwig. Seit dem 1. Februar stellt er sein Know-how voll und ganz der neuen Einrichtung am Duisburger Calaisplatz zur Verfügung. Ihn beeindruckt, wie schnell Rechtsfragen geklärt wurden und die passende Etage gesucht und das hochwertige technische Equipment gefunden wurde.

Die 500 Quadratmeter große Fläche ist in insgesamt vier Zonen aufgeteilt. „Im November waren die Räume hier noch blank“, erinnert sich der 42-Jährige. „Im Januar konnten wir einziehen.“ Erwig ist vom frischen Wind begeistert. Er besitzt kein festes Büro und keinen eigenen Schreibtisch. „Das ist ungewohnt und wunderbar“, meint der gebürtige Dinslakener. Alle würden sich engagieren, um die Arbeit der Polizei weiter zu verbessern. „Wir sind hoch motiviert.“

Fast täglich kommen Besucher von anderen Polizeibehörden, aus der Wissenschaft oder der Privatwirtschaft. Am selben Tag, als die „Streife“ hinter die Kulissen des Innovation Labs schauen darf, sind auch Experten vom Bundeskriminalamt, vom Landeskriminalamt, vom Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt und aus der Privatwirtschaft zu Gast.

Die Neugierde hat auch mit „Spot“, dem Computerhund, zu tun. Das LZPD hat ihn als erste deutsche Polizeibehörde im Januar für das Lab angeschafft. Roboterhunde können Aufgaben erledigen, die für Menschen oder echte Hunde zu gefährlich sind. Das Modell stammt von dem amerikanischen Unternehmen Boston Dynamics und kostet ohne Extras und Lizenzgebühren rund 60.000 Euro. In den USA ist der Robterhund schon im Einsatz.

Im LZPD trägt Polizeirat Dominic Reese die Verantwortung für den elektronischen Vierbeiner. Dessen erster Einsatz kam schneller als erwartet. Am 22. Februar war eine Wohnanlage im Essener Univiertel durch einen Großbrand zerstört worden. Da schlug „Spots“ Stunde. Das Gebäude war einsturzgefährdet und durfte von Menschen nicht betreten werden.

Ein polizeilicher Experte leitete per Fernsteuerung das sehr lebendig wirkende Gerät in die Ruine. „Wir waren sehr zufrieden“, zieht Reese ein erstes Resümee. „Bisher konnte man in solchen Fällen frühestens nach ein paar Tagen rein. Diesmal schickten wir ,Spot‘ ohne Risiko für Leib und Leben vor.“ Der „Nutzlastträger“ ist vom LZPD unter anderem mit einem Laserscanner sowie einer Infrarot- und einer 360-G In Essen scannte „Spot“ das Innere des verkohlten Komplexes. So entstand ein 3D-Modell der Räumlichkeiten, in denen sich die Ermittler virtuell bewegen konnten. „Der Roboter übermittelte gleich wertvolle Informationen“, erläutert Reese. „Wir haben auf diese Weise festgestellt, dass sich niemand mehr in dem Haus befand.“ Es ließ sich feststellen, ob Türen offen oder geschlossen waren und wo bestimmte Gegenstände lagen. Inzwischen scheint die mutmaßliche Brandursache gefunden zu sein.

„Dass wir gleich zu einem Echteinsatz kommen, hätten wir uns vorher kaum vorstellen können“, bekennt der Polizist. „Außerhalb der Planung lernt man besonders viel.“ Andere Bundesländer stellen jetzt Anfragen und wollen mehr erfahren.

Und doch gab es am Brandort kritische Situationen. Zweimal verhakte sich „Spot“ und stürzte, konnte aber gleich wieder aufstehen. Normalerweise kommuniziert der leichtfüßige Computer über eine WiFi-Verbindung. Die eignet sich aber eher für das Labor. „Wir haben deshalb sofort reagiert und ein Modul für ein sicheres Mesh-Netzwerk nachgerüstet“, berichtet Reese. „Das haben andere bereits vor uns gemacht. Darauf konnten wir zurückgreifen.“ Im Roboter steckt ein Server, der mit jeder Netzwerkanbindung operieren kann.

Der Polizeirat beschreibt die besonderen Eigenschaften seines 65 Kilo schweren und sieben Stundenkilometer schnellen elektronischen Vierbeiners. „Mit dem Roboter kann ich Tatorte unverfälscht aufnehmen“, hebt er hervor. Die einzelnen Füße lassen sich mit den Motoren ansteuern. Treppen steigt „Spot“ zügig hoch. Er vermag um die Ecke zu schauen, was für Spezialeinheiten wichtig sein dürfte. Er weicht Hindernissen aus – auch Menschen. Dominic Reese legt zur Demonstration den E-Hund auf den Rücken und drückt auf einen Knopf. Schon rappelt sich das maschinelle Tier hoch und macht sich wieder auf den Weg. Danach lässt er es wie eine Katze schleichen. „So kann er auch durch Röhren pirschen.“ Er sei außerdem in der Lage, über ein Mikrofon zu kommunizieren.

„Spot“ bekommt bald Gesellschaft. Das LZPD schafft ein zweites Hunde-Exemplar an, diesmal eines mit Greifarm. „Mit ihm können wir dann Proben entnehmen.“ Beispielsweise ließe sich so nach einem Unfall eines Gefahrguttransporters schnell beurteilen, ob sich ein explosives Gemisch gebildet hat. Vieles erscheint denkbar. Auch der Einsatz bei einer Geiselnahme: „Spots“ Bruder, also der Hund mit dem Greifarm, könnte dem Geiselnehmer bringen, was er verlangt, etwa eine Pizza oder ein Handy. Er kann den Spezialeinheiten auch beim Zugang zu Gebäuden helfen und zum Beispiel Türen öffnen.

Die Einsatzszenarien sind vielfältig, am Ende ist es eine Entscheidung der Nutzer vor Ort, in welche Lagen die Roboter geschickt werden. Die von den Robotern gesendeten Bilder lassen sich in Echtzeit auf jeden Arbeitsplatz übertragen. „Die beiden Roboter werden sehr leistungsfähig und in verschiedenen Lagen einsatzfähig sein“, prognostiziert der Polizeirat.

Dominic Reese leitet stellvertretend das Projekt TVH, wo gleich mehrere IT-Vorhaben zusammengefasst sind. Beispielsweise wird dort der HiPoS-Cube entwickelt, ein Rechenzentrum im Miniaturformat. Der digitale Datenfluss soll damit zukünftig über ein Mesh-Netz oder per Satellit abgesichert werden. Das ist sehr wichtig, wie sich bei der Flutkatastrophe 2021 gezeigt hat, wo der Empfang zwischenzeitlich gestört war. Ebenso wird bei TVH die Auswertung von Bild- und Videomaterial durch den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) weiterentwickelt, zum Beispiel bei der Kinderpornografie.

Auf vielen Gebieten tüftelt und entwickelt das LZPD an originellen Ansätzen zur Unterstützung der Polizei vor Ort. Das Innovation Lab kommt gerade recht. Ganz fertig werden soll es nie. „Wir wollen ja Prozesse lenken, die nie abgeschlossen sind“, definiert Informatiker Erwig die Ziele.

Die imposanten und bis zu zehn Meter langen UCC-Videowände, die sich auf der Etage verteilen, sind komplette Rechner, die im Touch-Modus funktionieren. Auf den insgesamt 140 Bildschirmen können Präsentationen gezeigt, Quellcodes dargestellt, Calls abgehalten und Probleme analysiert und kann Software angepasst werden.

Auch die App-Entwicklung soll in Zukunft eine große Rolle spielen. Ebenso sind optimierte Verfahren dank Augmented Reality geplant – also ein Zusammenführen von digitalem und analogem Leben über spezielle Brillen.

Es gibt im Lab eine Küche, eine kleine Werkstatt, einen Serverraum und einen Meeting Point. Der Konferenzraum hat transparente Wände, die auf Knopfdruck blickdicht gemacht werden können. Zwei schalldichte Mikroboxen erlauben es, sich auch mal zurückzuziehen, zu telefonieren, Podcasts zu hören oder sich auf eine Aufgabe zu fokussieren. Sogar Feldbetten für ein Nickerchen oder einen „Power Nap“ könnten dort aufgestellt werden. Auf die Videowalls lassen sich Bilder aufspielen, die Entspannung und Konzentration fördern. Vieles ist möglich. Die Zukunft hat Einzug gehalten.

Markus Erwig, ein Systematiker, fasst zusammen, worauf es jetzt ankommen könnte. Erstens: die IT-Trends der Zukunft erkennen. Zweitens: die vorhandene Technik verstehen und weiterentwickeln. Drittens: Hauskeeping. Man müsse schließlich die nagelneuen Räumlichkeiten in Schuss halten. Und viertens: inspirierende Arbeitsmethoden finden und Workshops organisieren.

Irgendwie ist alles anders im Innovation Lab. Und manch einer der mehr als 50.000 Polizeibeschäftigten wird sich wünschen, dass vielleicht noch mehr als technische Erneuerung im Alltag übernommen wird. Bestimmt ganz oben auf der Liste: eine Beschleunigung der oft starren und langwierigen Entwicklungs- und Beschaffungsvorhaben. Im Think Tank kann man schnell, flexibel und nach Bedarf erproben – innovationsfreundlich halt!

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